Sarah Kuratle
Fotografie © privat
Sarah Kuratle, geboren 1989, ist schweizerisch-österreichische Autorin. Sie studierte Germanistik und Philosophie. 2020 war sie Stipendiatin in der Fundaziun Nairs. Mit ihrem Romandebüt Greta und Jannis stand sie auf der Shortlist für den Literaturpreis Text & Sprache 2022. Ihr zweiter Roman Chimäre, für den sie den Kreationsbeitrag von Pro Helvetia erhielt, ist ein Buch auch zu Artenvielfalt und Artenschwund. Die erste Idee dazu kam Kuratle an einer der bunten Trockenwiesen im Engadin.
Welche drei versunkene Wörter sollten wir wieder vermehrt verwenden? Was gefällt Ihnen daran?
«Dünken», weil hier das Denken den Anschein macht.
«Schnabulieren», weil hier Vogel und Mensch zusammenrücken.
«Stelldichein», weil hier in einem Wort eine Liebesgeschichte anklingt.
Ihre charakteristischte Eigenschaft?
Sensibel. Nach innen wie außen sind viele Fühler ausgestreckt. Dazu kommen der Drang, das, was ich alles erlebe, einzuordnen, und die Einsicht, dass das oft nicht oder nur in der Kunst geht.
Welcher Moment des Tages ist Ihnen der angenehmste?
Mehr als ein Moment ist es die blaue Stunde am Morgen im Winter. Da ist eine Ruhe und zugleich schon, um mit Eichendorff zu sprechen, ein Lied in allen Dingen.
Eine Erfindung, ohne die Sie nicht mehr leben könnten?
Die Schrift. Sie vertieft und ergänzt den mündlichen Ausdruck, auch den Gesang. Zu schreiben lässt mich anders und weiter denken, empfinden und fühlen. Zu lesen macht mein Leben reich.
An welchen Ort haben Sie die schönsten Erinnerungen?
Schönste Kindheitserinnerungen verbinde ich mich mit dem Daheim meiner Großmutter in der Ostschweiz. Es war wie eine Welt für sich, aus der Zeit gefallen. Eine zum Ort gewordene Liebe.
Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen?
Malend eine Welt erfinden, hätte ich früher gesagt. Jetzt sage ich: Im Tanz auszusprechen, wie es ist, in mir drin, rundherum, tanzend mich zu verwandeln, andere Lebensformen nachzuahmen.
Schreiben Sie einen Gedanken auf oder ein Zitat, dem Sie zustimmen.
«Grenzt nicht mein Herz an deins –
Immer färbt dein Blut meine Wangen rot.
Wir wollen uns versöhnen die Nacht,
Wenn wir uns herzen, sterben wir nicht.»
In Else Lasker-Schülers Gedicht Versöhnung, aus dem diese Verse stammen, steckt so viel vom Schmerz und der Hoffnung, ein Mensch unter Menschen zu sein. Von Streit, Krieg. Frieden, dem Glauben daran.
Lieben Sie das Ideale oder das Reale?
Beides, das Ideale und das Reale, wie sie einander durchdringen. Ob in einem Gesicht, einem Tanz, einem Wort. Ich liebe das spürbar Schöne, das Gute, das buchstäblich in der Hand liegt.
Ihr Lieblingsedelstein?
Der fliegende Edelstein. Damit meine ich den Eisvogel. Dem blitzblauen Flug und der orangeroten Brust verdankt er seinen Beinamen. Ich erinnere mich an eine Sichtung in den Donau-Auen.
Haben Sie ein Lieblingswort? Es gibt viele, zum Beispiel «lauschen». Und wenn ich meiner kleinen Tochter lausche, wie sie Worte lernt, so malerisch ausspricht, fantasievoll zusammensetzt, wächst die Lieblingswort-Liste.
Ihr grösster Wunsch?
Eine gute Mutter sein.
Welches Buch müssen wir aktuell lesen?
Roberto Simanowskis «Sprachmaschinen» als kritische Philosophie der Künstlichen Intelligenz. Ein Hinweis auf den Wert eigenständigen Formulierens, um die Welt, das Leben zu begreifen.
Roberto Simanowski, Sprachmaschinen. Eine Philosophie der künstlichen Intelligenz
288 Seiten
C.H. Beck. Verlag
Fr. 33.90
ISBN 978-3-406-83753-1