Romana Ganzoni 2026

Fotografie © Mayk Wendt

Romana Ganzoni: Zum Zvieri des 18. April 1967 in Scuol in die Generation X geboren, die als pragmatisch, realistisch, unabhängig und skeptisch gegenüber Autoritäten gilt. Liebt ihren Mann, ihre Familie, Freundinnen und Freunde, alle Kinder und ihre leuchtenden Gesichter, Frösche und Tiere allgemein, Freiheit, Sorgfalt, Handwerk, Unternehmertum, Bewegung, Geschichten, Spaghetti Napoli, die Motta Naluns, die Diavolezza und alle Leute, die sehr laut oder ansteckend lachen. Schreibt seit sie schreiben kann und hat ihre unbändige Lust, Geschichten zu erzählen, zum Beruf gemacht. Mit einem Wort: ein glücklicher Mensch. 

Welche drei der oben erwähnten versunkene Wörter sollten wir wieder vermehrt verwenden? Was gefällt Ihnen daran?
Die Aventüre. Da sie sich auf Konfitüre reimt, gibt sie dem Konzept «Abenteuer» eine Süsse, das es in der Realität wohl nicht zu jedem Zeitpunkt einlösen kann.
Parasol. Sonnenschirm. In meinem Fall: ein tiefrotes Sonnenschirmchen im Schirmständer beim Eingang. Sein Anblick vermittelt mir das Gefühl, ich könne jederzeit eine Zeitreise ins 19. Jahrhundert antreten und in einem Park in Paris oder London herumstolzieren, als wäre nichts Böses geschehen oder zu erwarten. 
Unflat. Dieses wunderbare Wort bereichert als Mundart-Variante «Uuflat» meinen aktiven Wortschatz und ich finde, es fasst lautlich sehr gut, was manch unerzogene, unflätige Person vorzüglich männlichen Geschlechts im öffentlichen Raum ungebeten zur Aufführung bringt.

Welchen Vorsatz haben Sie sich für das Jahr 2026 vorgenommen? Werden Sie ihn einhalten?
Ja, ich werde ihn einhalten und die kostbare Morgenstunde unmittelbar nach dem Erwachen bewusster gestalten, um dem Tag gerecht zu werden.

Wenn Sie ein Lebensmittel wären: Welches wären Sie?
Ich wäre ein Genussmittel. Gerne ein altmodisches Himbeer-Zückerli, handgefertigt, das in einem schönen Mund liegen und zerfliessen möchte.

Ihr Lieblingsedelstein?
Der Bergkristall. 

Worin sind Sie am geschicktesten?
Ich sehe in den allermeisten Missgeschicken, Fehlern, Niederlagen und Umwegen das, was sich daraus lernen oder ableiten lässt oder worüber wir lachen sollten.

Was packen Sie immer in Ihren Koffer ein?
Einen Unterzieher mit Rollkragen. Als Engadinerin erwarte ich überall auf der Welt einen unvermittelten Wintereinbruch.

Was sehen Sie, wenn Sie in den Spiegel schauen?
Einen kleinen Hornochsen.

Schreiben Sie einen Gedanken auf oder ein Zitat, dem Sie zustimmen.
Wer die Wahrheit sagt, wird gehenkt. (Georg Büchner)

Ihre Heldinnen/Helden in der Geschichte - und in der Gegenwart?
Michelangelo Bonarroti. Für mich der bedeutendste Künstler aller Zeiten, trotzig und für seine Zeit enorm emanzipiert, der mit über 80 noch auf seinem Pferd durch Rom zur Arbeit galoppiert. Sogar seine gebrochene und nicht so toll zusammengewachsene Nase gefällt mir.
Gino Bartali. Nebst Jesse Owens mein Lieblingssportler. Radfahrer-Legende. Bartali gewann drei Mal den Giro d’Italia und zwei Mal die Tour de France und schmuggelte während der NS-Zeit gefälschte Papiere in seinem Fahrradrahmen; dadurch rettete er hunderte Juden. Gerechter unter den Völkern.
Simone Weil. Rebellin. Widerstandskämpferin und Denkerin mit originellen Beiträgen zu Philosophie, Ethik, Politik und Mystik. Ich bewundere ihre Solidarität mit den Unterdrückten und die radikale Machtkritik, sowie dass sie das, was auch mir viel bedeutet, betont: Aufmerksamkeit für das Gegenüber und Mitgefühl. 
Gegenwärtig: Alle kühnen Denkerinnen und Denker mit Haltung, die anecken, weil sie sich weigern, das, was zur Zeit als genehm gilt, zu bewirtschaften. In der Hoffnung, dass sie ihre Rehabilitation erleben.

Welches Buch müssen wir aktuell lesen?
Zu empfehlen sind immer wieder und jederzeit die Tagebücher von Franz Kafka. Warum? Weil sie so viel gleichzeitig leisten: radikale Ehrlichkeit und Intimität ohne Pose, sprachliche Präzision, eine herrliche Mischung von Alltäglichem und Existenziellem und nicht zuletzt, weil wir einem grossen Schriftsteller beim Suchen und Zweifeln zuschauen dürfen. 
Kafka, Franz: Tagebücher * Gesammelte Werke. Band 1: 1909-1912
Kafka, Franz: Tagebücher * Gesammelte Werke. Band 2: 1912-1914
Kafka, Franz: Tagebücher * Gesammelte Werke. Band 3: 1914-1923

Franz Kafka: Tagebücher - Gesammelte Werke, Band 1: 1909-1912
440 Seiten
Fischer Taschenbuch
Fr. 23.50
ISBN 978-3-596-18117-9