Die Welt in ihren Händen
Geisteswissenschaften , Roman , Sachbuch
Aktueller Buchtipp von Simone:
Olivier Guez bewegt sich mit «Die Welt in ihren Händen» souverän an der Schnittstelle zwischen historischem Roman und literarisierter Biografie. Er rekonstruiert das aussergewöhnliche Leben von Gertrude Bell, einer der einflussreichsten britischen Frauen des frühen 20. Jahrhunderts, die die politische Neuordnung des Nahen Ostens entscheidend mitprägte. Als Archäologin, Geheimagentin und enge Vertraute von Winston Churchill und Lawrence von Arabien wurde sie zu einer zentralen Machtfigur im damaligen Mesopotamien. Guez zeichnet Bell jedoch nicht als blosse Repräsentantin des Empire, sondern als vielschichtige Persönlichkeit, gefangen zwischen viktorianischer Herkunft, unerfüllter Liebe und kompromisslosem Freiheitsdrang.
Stilistisch überzeugt das Werk durch seine erzählerische Eigenständigkeit und seine historiografische Souveränität. Mit grosser Präzision macht Guez die Überheblichkeit des Kolonialismus und die westliche Aneignung von Macht sichtbar, ohne seine Protagonistin vorschnell zu verurteilen.
Gerade darin liegt jedoch auch die grösste Schwäche des Buches: Die Perspektive bleibt nahezu ausschliesslich kolonial. Die arabische Bevölkerung, über deren Zukunft hier entschieden wird, erhält kaum eine eigene Stimme und bleibt weitgehend Staffage einer Geschichte, die aus dem Blickwinkel der Mächtigen erzählt wird.
Die Welt in ihren Händen von Olivier Guez
Übersetzung aus dem Französischen von Nicola Denis
416 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch Verlag
ISBN 978-3-462-00835-7
Fr. 36.50